Ein Banker steigt aus und wagt ein neues Leben.

Einen Traum, den wahrscheinlich viele Menschen insgeheim hegen, hat sich Rudolf Wötzel erfüllt: Er nimmt 500 Euro, eine EC-Karte, ein Handy, einen 25-Kilo-Rucksack und macht sich auf den 1.800 kilometerlangen Marsch quer durch die Alpen von Salzburg bis Nizza.

Recht unaufgeregt erzählt der ehemals sehr erfolgreiche Investmentbanker seine Geschichte vom Totalausstieg aus dem Bankengeschäft, von Burn-out-Symptomen und Boni, üppigen Jahresgehältern und Statussymbolen, von Sinnkrisen und milliardenschweren Transaktionen. Wenn man ihn live erlebt, so geschehen bei seinem Vortrag in Münster, wirkt er fast ein wenig zurückhaltend – rundum sympathisch. Und gar nicht so aalglatt, so berechnend mit Mensch und Kapital umgehend wie er sich selbst in seiner Hochzeit der Bankenkarriere beschreibt.

Als er in die Berge aufbricht, kaum vorbereitet auf die beschwerliche Tour, war dem smarten Banker selbst noch nicht klar, dass sich mit diesem Tag sein ganzes Leben verändern wird. Es war als Ausstieg auf Zeit gedacht. Aber mit dem Wandern, mit dem Erklimmen von 129 Gipfeln – davon 33 Viertausender und 65 Dreitausender kamen unweigerlich die Fragen des Lebens. In den Bergen ist er mehrfach zwischen Leben und Tod, lässt dabei die Gier hinter sich und lernt die Einfachheit, die Schönheit und die Herzlichkeit der Menschen kennen und schätzen.

Wötzels Gedankenwelt kann man gut nachvollziehen, wenn man sein Buch »Über die Berge zu mir selbst. Ein Banker steigt aus und wagt ein neues Leben« liest. Vermutlich wird er sich auch heute, nach seinem Ausstieg, immer noch teure Maßanzüge leisten können, aber er braucht sie nicht mehr. Er ist Gastronom geworden und bewirtschaftet in den Sommermonaten eine urige Hütte in den Schweizer Bergen. Leistungsorientiert sei er noch immer, gibt er bei seinem Vortrag unumwunden zu. Aber dies sei ja auch grundsätzlich nichts Schlechtes. Die Ziele haben sich nur verändert und damit kam die Freude in sein Leben zurück. Wie er so dasteht, glaubt man es ihm.